AnnenMayKantereit

Normalerweise würden hier jetzt die ersten Sätze einer sogenannten „Bio“ stehen. Bei einem normalen Release schreibt jetzt jemand, den die Band xy kaum kennt, über eben diese Band xy. Das war irgendwie schon immer so. Über das neue Album, warum es total anders ist und so weiter und so weiter. Ein Fließtext von den Anfängen bis zum Heute, möglichst aussagekräftig und mit ganz vielen Metaphern. Diese sogenannte „Bio“ ist nämlich Werbung. Werbung in eigener Sache, gemacht für Radiostationen, Redaktionen, Veranstalter und so weiter und so weiter.

Weil dieses Jahr anders ist, haben wir uns dagegen entschieden, diesen Text schreiben zu lassen. Diesmal schreiben wir diesen Text.

Wir – sind Severin, Henning und Christopher. Wir haben 2011 angefangen Straßenmusik zu machen,
haben es 2012 irgendwie geschafft, kein Studium zu beginnen, 2013 konnten wir bereits in Clubs und auf Campingplätzen spielen, 2014 war unser erstes Jahr voller Festivals und über hundert Konzerten, 2015 war ähnlich intensiv und 2016 haben wir unser erstes Album veröffentlicht. 2017 haben wir angefangen, eigene Festivals zu veranstalten und haben dazu noch ein Live-Album veröffentlicht. 2018 haben wir eine Tour-Pause gemacht und dafür so viel Zeit wie es geht in unser zweites Album gesteckt. Nachdem wir 2019 selbstverständlich wieder viel auf Tour waren, kam das Jahr 2020. Und na ja, wo fängt man da an…

Vielleicht in Görlitz. Dort haben wir unser „Warm-Up“ Konzert gespielt. Das war das „Aufwärmen“ für
unsere bisher größte Tour. Wir wollten zum ersten Mal in Moskau spielen und dann gleich zwei Konzerte. Wir hatten die Hamburger Trabrennbahn ausverkauft, waren für Festivals gebucht, wir wollten nach St. Petersburg und Istanbul…

Und dann – Zack.

Es war tatsächlich surreal.

Als am 28.02. aufgrund des Infektionsschutzgesetzes unser Konzert nicht stattfinden konnte, war ich erstmal sprachlos. Die Mitarbeiter der Schweizer Behörden rieten uns zur umgehenden Ausreise. Unser Team hatte die Bühne bereits in die Halle gebaut. Es war Mittag und wir wollten eigentlich die größte Mehrzweckhalle der Schweiz bespielen. Wir haben stattdessen das Land verlassen. Richtung
Deutschland. In deutschen Städten hing danach jedes Konzert am seidenen Faden. Spielen wir? Spielen wir nicht? Das letzte Konzert kam sieben Tage später. Im wunderbaren Chemnitz. Das Konzert danach in Freiburg, am 10.03., konnte nicht mehr stattfinden.

Am 11.03. waren wir dann alle ziemlich überraschend wieder in den eigenen vier Wänden. Am 12. wären wir eigentlich ein Bremen gewesen, am 13. in Köln, und so weiter und so weiter. Jeder war plötzlich allein mit der Tatsache, dass dieses Jahr anders wird.

Dann kam der Lockdown. Und im Lockdown haben wir ein Album gemacht. Dementsprechend düster sind einige der Lieder. Insgesamt ist das neue Album sehr von den Wochen geprägt, in denen es entstanden ist. Per Video-Call. Per Telefon. Per Mail und in Chatverläufen. Christopher war im Proberaum, Severin im spontan aufgebauten Homestudio und ich hatte die Gelegenheit, an einem desinfizierten Klavier zu arbeiten. Inklusive Markus Ganter (unserem Produzenten) hinter einer Glasscheibe. Wir haben uns eigentlich jeden Tag zu Ideen ausgetauscht, neue Elemente diskutiert, Anhänge weitergeleitet und darüber gesprochen, wo das unfertige Lied „hinwill“.

Mitte Mai haben wir uns dann in der Eifel getroffen, um das schon vorhandene Material nochmal ein
gutes Stück weiterzubringen. Wir haben uns oft für die Momente entschieden. Für die spontanen Handy Aufnahmen, für die Versprecher, das Räuspern, das Vogelzwitschern oder knarzende Klavierstühle.

Hoffentlich kann man erahnen, was wir damit gern unterstreichen wollten.

Da wir in der Eifel irgendwie jeden Tag total produktiv waren, haben wir am Tag unserer Abreise zum
ersten Mal die neuen Lieder in Reihenfolge gehört.

Nach dem Hören hat Sevi dann gesagt – das fühlt sich wie ein Album an. Irgendwie war plötzlich glasklar, dass wir nur mit neuen Liedern ein Album machen, ohne „Ausgehen“, „Ozean“ oder „Tommi“. Nach unserem Eifel-Trip hatten wir dann Ende Mai ein paar Tage mit Malte im Proberaum.

Malte kam und brachte nicht nur seine routiniert entspannte Art mit, sondern auch ein paar feine
Basslinien und gute Ideen mit.

Danach war Markus Ganter dran. Denn um die Songs wirklich fertig zu machen, müssen wir natürlich
noch ein paar Wochen unseren Produzenten quälen und Wetten darauf abschließen, wie viele Haare ihm ausfallen. Markus hat diesmal nicht nur produziert, sondern auch einige Bässe gespielt. Natürlich hat er auch mit arrangiert. Das kann er nämlich fast so gut wie Mixen – seine heimliche Sucht. Das „Mixing“ hat Markus übernommen, das Mastering hat Zino gemacht. Danke dafür.

So. Es ist fertig. Unser drittes Album. Es heißt „Zwölf“.

Es ist ein Album aus dem Lockdown. Ein Album, das unter Schock entstanden ist. Für uns hat es immer drei Teile gehabt – den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss.

Wir wünschen uns, dass dieses Album am Stück gehört wird. Die Reihenfolge der Lieder hat für uns
Bedeutung, und wer so großzügig ist sich das Album auch in dieser Reihenfolge anzuhören hat einen
gepolsterten Sitzplatz in der Mehrzweckhalle unserer Herzen.

Hoffentlich bis bald. Hoffentlich.

Severin, Christopher, Henning. AnnenMayKantereit.